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AktuellesStarkes Zeichen oder völlig falsches Signal?



Referenten und Veranstalter: Prof. Dr. Kirsten MĂĽller-Vahl, Dr. Michael Ermisch, Dr. Christoph J. Tolzin, Dr. Kristina KĂĽhl, Dr. Ulrich Heine, Dr. Lili Grell, Prof. Dr. Christoph Maier, Prof. Dr. Friedemann Nauck, Dr. Peter Cremer-Schaeffer und Dr. Martin Rieger.


Starkes Zeichen oder völlig falsches Signal?

Das Thema „Medizinisches Cannabis“ bleibt kontrovers. Das wurde am 16. März beim 13. Diskussionsforum „Medizinisches Cannabis in der GKV“ in Dortmund deutlich, das eine Woche nach Einführung des neuen Gesetzes stattfand. Experten aus der Forschung äußerten deutliche Kritik an dem neuen Gesetz zur neuen Verordnungsfähigkeit von medizinischem Cannabis, während Dr. Kristina Kühl vom Bundesgesundheitsministerium es vor den knapp 200 Teilnehmern als „starkes Zeichen“ verteidigte.

Die SEG 6 beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Westfalen-Lippe (MDK) und das Kompetenz-Centrum Psychiatrie und Psychotherapie hatten zu dem Diskussionsforum eingeladen. Unter den Teilnehmern waren Vertreter aus allen Teilen des Gesundheitssektors, u.a. Vertreter aus der Krankenversicherung und Ă„rzte, aber auch Apotheker, Sozialrechtsanwälte, Pharmafirmen, Mitarbeiter von Patientenvereinigungen und Vertreter anderer MDK.

Dr. Ulrich Heine, GeschäftsfĂĽhrer des MDK Westfalen-Lippe, begrĂĽĂźte die Gäste und stellte klar, dass trotz der vielen Ă„nderungen im Gesetz, die auch noch kurzfristig eingepflegt wurden, die MDK-Gemeinschaft bereits vorläufige Hinweise durch die Fachexperten der Sozialmedizinischen Expertengruppe 6 „Arzneimittelversorgung“ (SEG 6) erstellt habe, so dass eine fach- und sachgerechte Begutachtung seit dem ersten Tag des Inkrafttretens im MDK stattfinden kann.

Dr. Kristina Kühl vom Bundesgesundheitsministerium stellte den Teilnehmern in ihrem Beitrag die Geschichte und Inhalte des Gesetzes vor. „Unser Ziel ist es, das Leiden von Menschen zu lindern, denen anders nicht mehr zu helfen ist“, erklärte sie. Sie verwies auch darauf, dass das Gesetz im Bundestag einstimmig beschlossen wurde.

Über die Vor- und Nachteile von Cannabis sowie die Geschichte des Einsatzes in der Medizin referierte Dr. Christoph J. Tolzin, Leiter des KCPP beim MDK Mecklenburg-Vorpommern. Er machte deutlich, dass den Hoffnungen, die an den Einsatz von Medizinalhanf und Cannabisprodukten geknüpft sind, die langjährig bekannte Problematik der Sucht gegenüber steht.

Deutliche Kritik am neuen Gesetz zum Einsatz von Cannabis in der Medizin äußerte Prof. Dr. Christoph Maier, Leitender Arzt der Abteilung für Schmerzmedizin am Universitätsklinikum Bergmannsheil. „Es gab selten ein Gesetz, das mich so traumatisiert hat wie dieses“, gab er unumwunden zu. Maier bemängelte, dass es keine Evidenz der Wirksamkeit von Cannabis in der Schmerztherapie gebe, wohl aber für dessen negative Folgen. Nach Auseinandersetzung mit den vorliegenden Studien und eigenen Dokumentationen gehe er davon aus, dass Cannabis bei höchstens einem von fünf Patienten eine positive Wirkung zeige.

Ähnlich kritisch äußerte sich Prof. Dr. Friedemann Nauck, Direktor der Klinik für Palliativmedizin der Universität Göttingen. „Es gibt keine wissenschaftliche Notwendigkeit für die Verschreibungsfähigkeit von Medizinalhanf“, erklärte er und ergänzte unter großem Applaus des Teilnehmer: „Wir setzen hier ein völlig falsches Signal.“ Er beklagte auch die unscharfe Abgrenzung zwischen dem medizinischen Nutzen und dem Freizeitgebrauch von Cannabis.

Prof. Dr. Kirsten R. Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule Hannover sieht einen unstrittigen medizinischen Nutzen, wenngleich sie ebenfalls die „unbefriedigende“ Studienlage beklagt. „Cannabis erweitert das Therapiespektrum“, sagte sie. „Aber es ist kein Wundermedikament.“ Eine Formulierung, der sich auch Dr. Kristina Kühl vom Bundesgesundheitsministerium in der Diskussion noch einmal ausdrücklich anschloss.

Für ein Ende der Grundsatzdiskussion um das neue Gesetz plädierte der Leiter des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Dr. Peter Cremer-Schaeffer. „Wir müssen uns nicht mehr fragen: Wie konnte es so weit kommen? Jetzt ist das Gesetz da und wir müssen damit umgehen“, stellte er klar. Er stellte die Aufgaben der neuen Cannabisagentur vor und formulierte auch deren Ziel: „Wir wollen hin zum Fertigarzneimittel Cannabis.“

Als „Dammbruch“ bezeichnete dann abschließend Dr. Michael Ermisch vom Referat Arzneimittel beim GKV-Spitzenverband die Einführung des neuen Gesetzes. Denn er fürchtet, dass in diesem Zuge vielleicht auch bald andere Substanzen verordnungsfähig werden könnten, deren Wirksamkeit nicht nachgewiesen wurde. „Es hat einen Grund, dass wir nur evidenzbasierte Medizin bezahlen wollen“, erklärte er. Denn das sei im Interesse aller Versicherten. „Aber wir müssen jetzt damit leben und sehen, wo uns das neue Gesetz hinführt“, sagte er abschließend.

Moderatorin Dr. Lili Grell, Leiterin der SEG 6 beim MDK Westfalen-Lippe, lieĂź nach den Referaten BefĂĽrworter wie Kritiker des Gesetzes unter den Zuhörern zu Wort kommen und sorgte so fĂĽr einen spannenden und informativen Tag.




Ca. 200 Zuhörer kamen zum SEG-Diskussionsforum nach Dortmund.


Die Vorträge der Referenten

Hier finden Sie einige der Vorträge zum Nachlesen und Herunterladen:

 

Dr. Christoph J. Tolzin
Leiter des KCPP
Vortrag: "Cannabis und Sucht"

 

Prof. Dr. Christoph Maier
Leitender Arzt der Abteilung fĂĽr Schmerzmedizin,
Universitätsklinikum Bergmannsheil
Vortrag: "Erwartungen der Medizin: Sicht der Schmerztherapie"

 

Prof. Dr. Friedemann Nauck
Direktor der Klinik für Palliativmedizin, Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität
Vortrag: "Genetische Marker - Anforderungen aus Sicht der Nutzenbewertung"

 

Prof. Dr. Kirsten R. MĂĽller-Vahl
Klinik fĂĽr Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie, Zentrum fĂĽr Seelische Gesundheit, Medizinische Hochschule Hannover
Vortrag: "Erwartung der Medizin: Sicht der Behandlung neurologischer Krankheitsbilder wie Multiple Sklerose, ADHS, Tourette etc."

 

Dr. Peter Cremer-Schaeffer
Leiter der Bundesopiumstelle, Bundesinstitut fĂĽr Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)
Vortrag: "Bisherige Erfahrungen des BfArM und Aufgaben der Cannabisagentur"

 

Dr. Michael Ermisch
Referat Arzneimittel, GKV-Spitzenverband
Vortrag: Medizinalhanf: ein Systembruch in der Arzneimittel-
entwicklung und Versorgung?

 

Die Publikation Whiting, P.F.; Wolff, R.F.; Deshpande, S. et al.: Cannabinoids for medical use: A systematic review and meta-analysis. JAMA 313 (2015), Nr. 24, S. 2456–2473 ist in der Schweiz übersetzt worden und auf folgender verlinkter Website zu finden!



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